Narn i Eryn Galen - Geschichten des Grünen Waldes

Die Glocke im Sumpf

Hemelsdei, 4. Tag des Rethe, 2946

Ein Tag voller Morast und nasser Kälte hatte besonders den Zwerg Vidrak bis auf die Knochen gefrieren lassen. Wacker steuerte Randur das Boot den Eilend hinab in die sumpfigen Gebiete des Düsterwaldes. Kiktok war einige Mal zu den beiden herab geflogen, doch er konnte nichts Nützliches berichten. Von den Zwergen gab es keine Spur. Der Nebel hatte sich am Tage kaum gelichtet, und bei Dunkelheit den Fluss entlang zu stochern erschien beiden unbesonnen. Schnell wurde ein kleines Nachtlager errichtet. Dies alles blieb jedoch nicht unbeobachtet. Ein Wachtrupp Elben beobachtete sie bereits, seit sie die Stufen hinter sich gebracht hatten. Schließlich traten die Elben in den Feuerschein des Lagers.

Vidrak ignorierend sprach der Befehlshaber des Trupps – Galion – mit Randur. Er wollte erfahren was die beiden so spät nachts im Sumpf trieben und auf wessen Geheiß sie dort seien. Der Zwerg – als Geheimniskrämer, der er ist – witterte sogleich zu viel Interesse und fragte als Antwort nach zwei Zwergen, denen sie folgten. Keine von beiden Seiten sollte viel Wissenswertes erfahren, den Vidrak erkannte Galion und sprach ihn hämisch auf seine ehemalige Stelle als Kellermeister des Königs an. Die Unterhaltung endete abrupt und Galion warnte Randur weiter in die Richtung zu reisen. Dort wo die Bergen des Düsterwaldes seien, gab es keine elbischen Patrouille und niemand würde sie dort suchen.

Meresdei, 5. Tag des Rethe, 2946

Nach einer kurzen und klammen Nacht brachen sie erneut auf und fuhren den ganzen Tag in ein immer morastigeres und nebligeres Gebiet des Waldes. Das Geäst wurde immer dichter und schloss bald die Strahlen der Frühlingssonne aus. Randur hatte Probleme das Boot samt Zwerg durch die Gewässer zu steuern ohne es zu beschädigen oder den Weg zu verlieren. So kamen sie kaum weiter. Vidrak fand mit Mühe ein geeignetes Plätzchen für die Nacht. Eine kleine, feste Insel inmitten von Wasser, Bäumen und Schlamm. Zu ihrer Überraschung hatten anscheinend auch Balin und Óin hier gelagert. Während Randur mit zunehmendem Unwohlsein die Spuren auf dem schlammigen Boden als Kampf- und Fluchtspuren identifizierte, lag Vidraks Aufmerksamkeit auf einem holen Baumstumpf. Balin musste dort etwas versteckt haben, denn ein zwergischer Zauber lag auf dem Stamm. Schnell lüftete er den Bann und brachte ein kleines Elfenbeinkästchen mit goldenem Beschlag und eine Schriftrolle hervor. Im Inneren des Kästchens lag ein feines, glitzerndes Geschmeide aus Gold und einem köstlich bearbeiteten Diamanten. Der Schätz eines Königs. Dessen war sich Vidrak sicher. Womöglich sogar aus dem Schatz des Erebor?

Wäre da nicht Randurs Aufschrei gewesen, hätte Vidrak zum einen Stunden auf das Kleinod gestarrt und zum anderen den Steintroll übersehen, der aus einem benachbarten Teich krächzend auf sie zu stampfte. Vidrak schaffte es das Kästchen in den Baumstumpf zu stopfen und seine Hacke in die Hände zu nehmen. Randur hatte bereits den Bogen gespannt und legte auf den Troll an. Von Wut, Hunger und vor allem Hass auf den Zwerg getrieben hieb der Troll immer wieder auf Vidrak ein, der jedoch den Angriffen standhielt. Zum Glück sahen die Gefährten, dass eine reich verzierte Axt in der Schulter des Trolls steckte. Gezielt versuchten beide den Trolle an seinem wunden Punkt zu treffen und es gelang. Erschöpft und außer Atem standen sie vor dem erschlagenen Troll. Nun wussten sie, warum Balin und Óin hier gekämpft hatten. Und sie wussten, warum die beiden Zwerge nicht lange an diesem Ort verweilt hatten. Schnell waren alle Sachen und auch der Schatz eingesammelt.

Hohdei, 6. Tag des Rethe, 2946

Eine schleppende Reise durch die Nach später, in der beide nur wenig Schlaf bekamen, änderte sich die Umgebung merklich. Die Bäume wurden höher und die Wasserflächen breiter und tiefer. Auch konnten zwischen den Schlingpflanzen und Luftwurzeln deutlich Anzeichen von Bebauung erkannt werden. Steinerne Wände, Statuetten und Säulen lagen gebrochen und geschliffen im trüben Wasser und setzten Moos an. Vidrak wollte undbedingt einige der Ruinen erkunden. Randur ging der alte Reim von Nerulf durch den Kopf als Vidrak schon einer solchen Würgeschlinge nur knapp entrann. Von jetzt an vorsichtiger untersuchten sie die Ruinen. Zwerge und Menschen hatten hier, so schien es, einst zusammen gelebt. Die Bauart der Zwerge war unverkennbar. Nachdem sie etwas aus dem Gebiet der Würgeschlingen herausgekommen waren meldete sich nach langem Kiktok zu Wort. Er warnte die beiden vor den Blutkrähen im Sumpf.

Am Nachmittag erreichten sie das ehemalige Zentrum des Dorfes. Wie von Geisterhand wurden sie von dem dumpfen klang einer Glocke begrüßt. Im Zentrum des Dorfes stand ein schiefes, im Gewässer eingesacktes, steinernes Gebäude mit gewaltigem Holztor. Eine seltsame kalte Anziehung ging vom Dröhnen der rostigen Glocke aus. Vidrak lief ohne es zu merken immer tiefer in den See, der das Gebäude umgab. Randur hielt ihn auf. Sie wussten nun was den Zwergen wiederfahren war und beschlossen in das Innere des Gebäudes zu gelangen.

Sie tauchten und gelangten in eine düstere Halle. Neben alten und modrigen Stühlen oder Fackeln fanden sie jedoch wenig. Die große Halle – einst vielleicht eine Versammlungshalle – war wie leer gefegt. Am Ende der Halle gab es einem großen, von Krähenkot überzogenen Kamin, in dessen Abzug ein Seil hing. Schwarze Federn lagen überall umher und die Freunde waren sich einig, das Seil besser in Ruhe zu lassen.

Weitere Erkundungen brachten schließlich den wohlverdienten Erfolg. In einem Weinkeller, vormals befüllt mir altem und recht köstlichem Wein, saßen Balin und Óin. Verbarrikadiert, und gezwungener Maßen angeheitert vom Wein, der das einzige war, war die Zwerge noch zu Trinken hatten. Die Freunde stärkten die Zwerge zunächst mir Wegbrot und Wasser. Balin erzählte von den grässlichen Sumpfwesen, und dass sie so viele seien, dass die beiden Zwerge sich nur noch haben verbarrikadieren können. Einige hätten sie erschlagen, aber Balin habe seine Axt im Sumpf verloren, als sie vor dem Troll haben fliehen müssen. Nun, da er sie wieder bekommen hatte, würden sie schon einen Weg aus diesem nassen Grab finden.

Während Balin zwingend den Ausweg aus dieser Bredouille suchte, juckte es Óin noch immer in den Fingern. Er hatte in einem der Tunnel, die an die Haupthalle anschlossen, etwas golden Glitzern sehen. Ja sogar eine Menge, und als einen respektablen Zwerg, der er ja sei, täuschen ihn seine Augen nicht. Randur wollte jedoch auf Nummer sicher gehen. Während Balin und Óin in der Haupthalle warten sollten, wollten er und Vidrak einen schnellen Blick riskieren und einige Schätze sammeln, wenn es welche gäbe. Vidrak rief auf seine besondere Art Kiktok zu sich, der zu ihm flog. Er sprach mit ihm ab, er solle sein Bestes geben die Krähen bei ihrer Flucht ablenken. Dann solle er so schnell er kann zurück zur Seestadt fliegen und Gloin Bericht erstatten.

Waghalsig schlichen Randur und Vidrak – sofern man einen Zwerg je schleichen sah – in die Höle der Sumpfbewohner. In der Tat gab es hier Gold. Sehr viel davon sogar. Doch was es mindestens ebenso viel gab, waren leuchtende weiße Augenpaare, die nach und nach immer näher kamen. Zwar bezaubert von dem Schatz und mit gefüllten Taschen, aber sich ihrer Pflichten Balin und Óin gegnüber bewusst, traten Randur und Vidrak den Rückzug an. Vidrak gab Kiktok ein Zeichen und sie flohen mit den beiden Zwergen in einer aberwitzigen Hetzjagd zurück zum Boot.

Während Kiktok sich über Ihnen eine tobende Verfolgungsjagd mit den Blutkrähen lieferte, kämpften sich die Gefährten mit den geschwächten und immer noch leicht betrunkenen Zwergen in das Gebiet der Würgeschlingen vor. Dort wurden einige der schleimigen Sumpfbewohner von den Schlingen erwischt und es gelang endlich die Flucht.

Hemelsdag, 11. Tag des Rethe, 2946

Der Rückweg war lang und schleppend, doch es gelang den Freunden, Balin und Óin etwas aufzubauen. Besonders erfreut war Balin davon, dass Vidrak die Botschaft und die Schatulle, die für den Adlerkönig bestimmt war, gefunden und zurückgebracht hatte. Bald erblickten sie erst die Stufen von Girion und schließlich die im Wasser stehende Stadt Esgaroth. Die Abendsonne glitzerte auf dem Gewässer. Zwei Drachenboote mit im Winde wehenden Bannern des Erebors begrüßten sie. Gloin und einige seines Gefolges begrüßten sie mit schallenden Hörnern. Sie blickten auf die Stadt im See mit der in weiter Ferne liegenden Stadt Thale und dem Erebor. Ein erstes Abenteuer war bestanden.

Sicher hatte es ihnen bereits jetzt Ruhm und Ehre eingebracht.

 

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Namo

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